Stress – Was im Körper passiert

Das körperliche Aktivierungs- und Entspannungssystem funktioniert heute noch genauso wie zu Urzeiten. Wie alle Lebewesen hat auch der Mensch vorrangig ein Ziel: Das Überleben. Denn nur so ist die Arterhaltung durch Fortpflanzung möglich.

Damals wie heute ist es deshalb von großer Bedeutung, lebensfreundliche und -bedrohliche Situationen klar unterscheiden und jeweils richtig reagieren zu können. Solche Anpassungsreaktionen geschehen reflexartig – also ohne Beteiligung des Bewusstseins oder des Willens – und werden durch drei Kreisläufe des autonomen Nervensystems (ANS) gesteuert.

So lange sich ein Mensch sicher fühlt, entfaltet der neue Teil des Vagus-Nervs (er gehört zum ANS) seine beruhigende Wirkung. Die Person ist entspannt. Sowohl Herzschlag als auch Atmung sind ruhig, der Schlaf ist erholsam und die Rahmenbedingungen für alle Stoffwechselprozesse sind optimal.

Dieser Zustand ist die Voraussetzung für Sozialverhalten. Denn nur wenn wir zuhören, miteinander sprechen, lachen und körperliche Nähe zulassen können, sind wir auch in der Lage unseren Nachwuchs zu versorgen und den Schutz sowie die Arbeitsteilung in einer Gruppe (z.B. früher: Stamm, heute: Familie) zu nutzen. Das „Kuschel“-Hormon Oxitocin unterstützt in diesem Zustand menschliche Bindungen zusätzlich.

Sobald der Mensch eine Bedrohung wahrnimmt, wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt.

Das sympathische Nervensystem (Bereich des ANS) sorgt dafür, dass alle Energiereserven für Kampf oder Flucht mobilisiert werden. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Dies  führt unter anderem zur Beschleunigung des Herzschlags, erhöhtem Blutdruck und der Freisetzung von Glukose, um den zusätzlichen Energiebedarf  der Muskulatur decken zu können.

Alle Sinne sind geschärft, so dass dem Menschen kein Detail der Gefahrensituation entgeht. Da nun die gesamte Energie im Körper für die Aktivierungsreaktion gebraucht wird, werden gleichzeitig alle Körperfunktionen heruntergefahren, die dafür nicht dringend benötigt werden – für Verdauung und Sexualtrieb beispielsweise kann der Körper in einer solchen Situation keine Kraft verschwenden.

Der Organismus zeigt diese Anpassungsreaktion nicht nur, wenn körperliche Gefahr droht (Säbelzahntiger) sondern auch, wenn die Bedrohung  emotionalen oder mentalen Ursprungs ist (zwischenmenschliche Konflikte, Prüfungsangst). In diesem Erregungszustand kommt es zu Einschlafschwierigkeiten, Herzrasen, Verdauungsproblemen.

Erscheint die Kampf- und Fluchtreaktion jedoch aussichtslos (z.B. wenn die Katze die Maus bereits in ihren Fängen hat), fährt das autonome Nervensystem alle Körperfunktionen herunter. Der Mensch  erstarrt oder dissoziiert (z.B. Todstellreflex, In-Ohnmacht-Fallen, Abschalten jeglichen Verhaltens).

In solchen Situationen, die mit extremem Stress und massiver Angst bis hin zur Todesangst verbunden sind, schaltet der Körper in ein Notfallprogramm, um beispielsweise trotz starker Schmerzen oder bei hohem Blutverlust überleben zu können.

Herzschlag, Blutdruck und Körpertemperatur sinken auf Minimalniveau, Verdauungsvorgänge werden eingestellt. Unter anderem werden körpereigene Opioide ausgeschüttet, um die Wahrnehmung und das Schmerzempfinden zu dämpfen.

Abbau der Stressreaktion

Unsere Vorfahren waren in der Regel mit Gefahren konfrontiert, die intensive körperliche Betätigung verlangten oder konnten dem starken Bewegungsdrang nach Erstarrungsreaktionen problemlos nachgeben, so dass der Organismus die Stresshormone durch den aktivierten Stoffwechsel recht schnell wieder abbauen konnte.

Das war ideal, denn die physiologische Stressreaktion ist so intensiv, dass sie auf Dauer den Organismus schädigt. Hier liegt eines der Probleme des modernen Lebens: Die oben genannten Stressreaktionen werden überwiegend durch psychosoziale Reize ausgelöst, die heute verbal gelöst werden. Zum Beispiel begegnen wir dem Ärger mit dem Chef oder Kunden mit Argumenten oder wir „schlucken“ den Angriff.

Wir verausgaben uns also nicht mehr körperlich, auch wenn der Organismus genau dafür alle Energie gebündelt hat. Somit bleibt der Hormonspiegel länger erhöht also von der Natur vorgesehen – wir stehen also bis weit in den Feierabend, ins Wochenende oder den Urlaub hinein unter Hochspannung. Die Stressreaktion wird zunehmend chronisch, der Körper ist überreizt und verkrampft.

Ein langfristig erhöhter Stresshormonspiegel beeinträchtigt, je nach Dosis und Dauer, die körperliche und psychische Gesundheit unmittelbar und kann durch die nachhaltige Veränderungen von Nervenzellen, Immunabwehr und Stoffwechsel schwere Krankheiten zur Folge haben.

Beispielsweise kann die dadurch verursachte Reduktion von Rezeptoren zu Depressionen führen, Bluthochruck begünstigt Herzerkrankungen oder Infarkte, die Entstehung von Krebserkrankungen wird unter anderem mit einer geschwächten Immunabwehr in Zusammenhang gebracht.

Der Einfluss von Stress auf Rezeptoren und Nervenzellen bewirkt, dass das Gehirn in diesem Zustand nicht mehr nur Ausgangspunkt von Stress ist, sondern durch diesen auch gleichzeitig geformt.

 

Anpassungsreaktionen nach der  Polivagal Theorie von Stephen Porges

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