Warum wir fühlen was andere fühlen

Freude, Ekel und Trauer haben eines gemeinsam: Sie sind ansteckend.
Dafür sorgt unsere Fähigkeit zur Empathie. Sie lässt uns fühlen, was andere fühlen.

(Fast) jeder kann mitfühlen

Körperlich gesehen kann (fast) jeder Empathie und Mitgefühl  empfinden – auch wenn nicht jeder gleich stark mit anderen mitleidet. Dabei müssen wir einer Person noch nicht einmal persönlich begegnen. Denken Sie an ihren letzten Kinobesuch und wie sehr Sie sich mit der Hauptfigur identifiziert, mit ihr geliebt und gelitten haben. Sogar ein  😃-Gesicht oder das Foto von einem eingeklemmten Finger kann Gefühlspiegelungen auslösen.

Versuche zeigten, dass es schon ausreicht nur zu wissen, dass gerade jemandem etwas Unangenehmes passiert. Paare bekamen in einem Experiment am Max-Plank-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig abwechselnd unangenehme Stromschläge. Das Gehirn meldete auch dann einen Schmerzreiz, wenn der Proband selbst keinen Stromschlag erhielt, im Spiegel aber die Hand seines Partners mit aufgeklebter Elektrode sah und durch ein Lichtsignal angezeigt bekam, dass dieser jetzt eine Ladung verpasst bekam. Wir wissen also nicht nur, was der andere spürt sondern fühlen es tatsächlich selbst.

 

Eine unschlagbare Kombination: Mitgefühl und Lebenserfahrung

Realistisch betrachtet, empfinden wir bei Mitgefühl zunächst nicht wirklich das, was der andere fühlt, sondern das, was wir selbst in der Situation empfinden würden. Denn Empfindungen, Emotionen und damit verbundene Denkmuster, Glaubenssätze und Assoziationen sind individuell und oft auch komplex.

Deshalb basiert unser Einfühlungsvermögen noch auf einem weiteren Aspekt: Unserer Lebenserfahrung. Oder anders formuliert: Wir müssen nachvollziehen können, welche Gefühle, Bedürfnisse, Absichten, Erwartungen oder Meinungen unsere Mitmenschen bewegen. Selbstverständlich können wir nur ahnen, was in anderen vorgeht. Denn jeder ist anders. Es geht also nicht nur darum zu fühlen, was unser Gegenüber fühlt, sondern auch einschätzen zu können, was das für diesen Menschen bedeutet.

 

Warum wir Mitgefühl brauchen

Empathie und Mitgefühl sind das emotionale Bindemittel einer Gemeinschaft. Sie sind die Grundlage dafür, dass überhaupt Gefühle geteilt werden und menschliche Verbindung entsteht. Ohne Mitgefühl gibt es keine Liebe, keine Hilfsbereitschaft, keine Solidarität – das Zusammenleben wäre von emotionaler Taubheit uns selbst und anderen gegenüber geprägt.

Mitgefühl fördert die emotionale Bindung und damit einen stärkeren Zusammenhalt untereinander. Wer in eine Gemeinschaft eingebunden ist erfährt mehr Führsorge, was seit jeher ein wichtiger Aspekt für unsere Sicherheit ist. Erleben wir in einer Gruppe aber keine Empathie wird es für uns emotional sehr schwierig. Leider gehört auch das zu unserem Alltag beispielsweise in Form von Mobbing, sozialer Ausgrenzung und Gruppenzwang. Wenn wir kein oder wenig Mitgefühl von uns selbst und anderen erfahren spüren wir mehr Druck, Stress und Wut, fühlen wir uns den Geschehnissen des Alltags stärker ausgeliefert. Das sind schwierige Voraussetzungen für ein entspanntes und glückliches Leben.

 

Wurzeln unseres Einfühlungsvermögens

Möglicherweise beginnt die Verbindung zu den Emotionen anderer mit dem mütterlichen Fürsorgeverhalten. Weibliche Säugetiere müssen verstärkt auf Bedürfnisse ihrer Nachkommen achten. Müssen wahrnehmen, ob sie Hunger haben oder in Gefahr sind. So sichern sie das Überleben der Nachkommen. Dies würde auch erklären, warum sich Frauen tendenziell besser in andere einfühlen können als Männer.

Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass Empathie notwendig ist, um aus dem Verhalten anderer zu lernen. Wenn ich nachempfinden kann wie jemand leidet, der vom Hausdach gesprungen ist, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass ich das auch mache und mich dabei schwer verletze oder sogar sterbe.

 

Wer clever ist, fühlt mit

So sinnvoll Mitgefühl ist, scheint es derzeit ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Gesellschaftlich werden andere Verhaltensweisen wie kritisches Denken, Egoismus und Durchsetzungskraft gefördert und belohnt. Infolge dessen lässt die Bereitschaft für Mitgefühl  merklich nach. Schade, denn mit etwas mehr Mitgefühl wäre unser aller Leben  einfacher und schöner. Für den „Mitfühler“ gibt es neben dem Zusammengehörigkeitsgefühl noch eine zusätzliche Belohnung: intensive Freude, Glück, Neugierde und Optimismus erfüllen den Körper.

Eine Antwort auf „Warum wir fühlen was andere fühlen

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