Empathie: Weshalb aus Mitgefühl oft Schadenfreude wird

Als ich mich zum ersten Mal in einem Kurs mit Selbstmitgefühl auseinandersetzte, spürte ich plötzlich etwas völlig Unerwartetes: Schadenfreude. Das passte überhaupt nicht zu dem, was ich mir erhofft hatte. Warum tauchte Schadenfreude auf, wenn ich mich mit Mitgefühl beschäftige?


Der grundsätzliche Mechanismus

Schadenfreude entsteht, wenn wir uns in einer Sache unterlegen fühlen, die uns wichtig ist. Wenn dann jemand über einen Satz oder eine Teppichkante stolpert, hilft sie uns, das eigene Selbstwertgefühl wieder aufzurichten. Genau das erlebte ich damals: Selbstmitgefühl war für mich noch ungewohnt. Ich fühlte mich überfordert. Da kam mir ein kleiner Fauxpas der Trainerin gerade Recht, um mich von meinem Frust abzulenken.

Ohne Empathie keine Schadenfreude

Sowohl für Schadenfreude als auch für Mitgefühl benötigt man ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen. Wie wir emotional dann tatsächlich reagieren hängt entscheidend von unserer Haltung der Person gegenüber ab, die wir scheitern oder leiden sehen.

Aus einer überlegenen bzw. unterlegenen Position heraus entstehen entweder Mitleid („Der Arme kann es halt einfach nicht besser.“), Schadenfreude („Das geschieht ihr Recht!“) oder ein distanzierendes Unbehagen („Das geht mich nichts an.“).

Wenn wir mit dem Unglücksraben eine gleichrangige, etwas nähere Beziehung haben, kann Mitgefühl entstehen und damit der Wunsch, dass es der Person bald besser gehen möge. („Autsch. Das tut weh. Hoffentlich erholt er sich bald wieder“).


Zwei Seiten einer Medaille – Mitgefühl und Schadenfreude

Mitgefühl und Schadenfreude sind die entgegengesetzten Ergebnisse des gleichen physiologischen Wirkungssystems im Gehirn. Bei Schadenfreude zeigt sich eine besonders hohe Aktivität im Belohnungszentrum (Nucleus accumbens). Einen vergleichbaren Effekt haben auch Schokolade, Sex oder Glücksspiel. Das Unglück anderer kann also ungemein viel Freude und Befriedigung hervorrufen.

Empfindet man Mitgefühl wurde die vordere Inselrinde angeregt. Je stärker, desto größer ist auch die Hilfsbereitschaft. Dieser Bereich im Gehirn regelt Emotionen und das Bewusstsein für unseren Körper und unsere Gefühle und kann trainiert werden. Somit können wir lernen, Schadenfreude zu regulieren.

Ausschlaggebend dafür, welche Hirnregion vorrangig stimuliert wird, ist unsere persönliche emotionale und geistige Verfassung, in der wir das Leid anderer Menschen wahrnehmen. Ob wir Mitgefühl oder Freude am Unglück empfinden, hängt von Faktoren wie Neid, Gruppenzugehörigkeit, Art der Beziehung, Sympathie und Abneigung ab.


Der Einfluss von Konkurrenz und persönlicher Verbindung

Schadenfreude scheint sich zu entwickeln, sobald Kinder ein Teil von Gruppen sind, in denen es um Status, Gewinnen und Verlieren geht. Die Freude über das Unglück von anderen scheint ganz eng mit Konkurrenz verknüpft zu sein.

Ausgangspunkt von Schadenfreude, ist das Gefühl von Unterlegenheit in Bereichen, die uns wichtig sind. Der andere gewinnt. Ich verliere und fühle mich unfair behandelt. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn wir die überlegene Person nicht mögen oder als unfair einschätzen. Versuche haben gezeigt, dass faire Menschen in der Regel echtes Mitgefühl und Unterstützung erfahren. Ganz anders sieht es bei denen aus, die sich unfair oder unsozial verhalten. Sie scheinen das Unglück regelrecht verdient zu haben.

Gruppenzugehörigkeit

Auch die Gruppenzugehörigkeit hat einen starken Einfluss darauf, ob wir Mitgefühl oder Schadenfreude für jemanden empfinden. Eine Studie mit Fußballfans am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig ergab, dass Probanden bereit waren den Fans ihres eigenen Vereins zu helfen, auch wenn das bedeutete, dass sie dabei selbst Schmerz aushalten mussten. Passierte das gleiche bei einem Anhänger der rivalisierenden Mannschaft, wurde das Zentrum für Schadenfreude im Gehirn aktiviert.

Dabei machte es keinen Unterschied, ob sich die Probanden kannten, oder ob sie nur glaubten, dass der andere Fan der gleichen bzw. gegnerischen Mannschaft war.

Ein Faktor scheint noch wichtiger zu sein, als die Gruppenzugehörigkeit: Je mehr persönliche Details die Testperson über den anderen wusste, desto eher empfand sie Mitgefühl.

Effekte von Schadenfreude

Schadenfreude hat also vor allem mit der schadenfrohen Person zu tun. Sie bietet psychische Entlastung, so dass wir uns wieder sicherer, gleichwertig bzw. überlegen und damit selbstsicherer fühlen. Die Ungerechtigkeit des Lebens erscheint für einen Augenblick ausgeglichen, der eigene Erfolgsdruck erträglicher. Somit wirkt Schadenfreude emotional und sozial regulierend. 

Selbstmitgefühl und Schadenfreude

Je mehr Selbstmitgefühl wir empfinden, desto konstruktiver und fürsorglicher können wir mit Neid, Missgunst und dem Gefühl des Nicht-Genügens oder des Nicht-Dazugehörens umgehen. Unser Ego fühlt also nicht mehr so schnell bedroht und kann damit nicht mehr so leicht verletzt werden. Knickt unser Selbstwertgefühl trotzdem mal ein, sinkt unser Bedürfnis es durch Schadenfreude wieder zu reparieren. Denn die negativen Gefühle werden erträglicher, wenn wir uns mitfühlend trösten können. Und vor allem werden sie noch durch einen weiteren Effekt weniger häufig auftauchen: Denn Selbstmitgefühl hilft uns dabei, uns über andere Aspekte zu definieren als unseren Wert – wir identifizieren uns also nicht mehr darüber, ob wir besser oder schlechter als andere sind.

Mit Selbstmitgefühl können wir übrigens auch den drückenden Biss der Scham lindern, der oft auf die Schadenfreude folgt.

Die Fähigkeit zu (Selbst-) Mitgefühl kann durch spezielle Übungen und Meditation trainiert werden. Mehr dazu im Artikel Mindful-Selfcompassion-Kurs (MSC) in München.

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