Dankbarkeit – Mogelpackung oder Geheimwaffe?

Mit meiner Dankbarkeitspraxis begann ich als ich Single war.

Damals führte ich ein Tagebuch über die Begebenheiten, für die ich dankbar war.

Die Enttäuschung

Mit der Zeit empfand ich meine Einträge jedoch als oberflächlich und hohl. Offenbar hatte sich immer wieder ein Mann für mich interessiert und ich hegte die Hoffnung auf eine Beziehung. Ansonsten hatte ich Spaziergänge in der Natur, Sonnenschein sowie schöne Begebenheiten mit Freunden und Familie notiert.

War das alles? Von Dankbarkeit hatte ich mir mehr erwartet: Tiefgründigere Einsichten. Anhaltende Zufriedenheit. Irgendwie auch, dass sich mein Leben dadurch endlich gut anfühlen würde. Und zwar dauerhaft.

Statistisch gesehen, scheint Dankbarkeit tatsächlich eine wichtige Zutat für ein erfülltes und erfolgreiches Leben zu sein. Praktizierende gelten demnach als gesünder und optimistischer. Sie erreichen ihre Ziele leichter, sind weniger ängstlich und depressiv.

Warum wir so oft mit Dankbarkeit hadern

#1 Zu schön, um wahr zu sein

Unangenehme Gedanken ziehen unsere Aufmerksamkeit magisch an. Wenn wir dankbar sein wollen fällt uns das besonders auf.

Sobald wir uns auf gute oder schöne Erfahrungen fokussieren, beginnen wir, diese kritisch zu hinterfragen. Suchen wir bei schwierigen Gegebenheiten nach den positiven Aspekten, haben wir vielleicht den Eindruck, uns die Welt schön zu reden.

Welchen Ansatz wir auch wählen: Niemandem fällt es leicht, Positives einfach nur wahrzunehmen und zu spüren, ohne dass sich die negativen Reaktionsmustern melden.

#2 Leben auf hohem Niveau

Vieles ist völlig selbstverständlich für uns: Wir haben eine geheizte Wohnung mit Kühlschrank und so viel zu Essen, dass wir es teilweise wegwerfen. Häufig ist uns gar nicht bewusst, wie viel Gutes uns täglich umgibt.

Kein Wunder also, dass uns gar nicht auffällt, dass wir dafür dankbar sein könnten. Wenn wir es dann doch sind, meldet sich mitunter unser schlechtes Gewissen.

#3 Wenn es im Leben ungemütlich ist

Hier kommt das gängige Dankbarkeits-Konzept – mit seinem Fokus auf das Schöne und Angenehme – an seine Grenzen. Kein Wunder, dass sich die Praxis wie eine Mogelpackung anfühlt, wenn man gerade nichts hat, wofür man dankbar sein könnte.

Das kann sich ändern, wenn wir den Fokus vom Angenehmen auf das Gute lenken – wobei das Gute nicht immer angenehm ist.

Etwas Gutes kann eine etwas weniger schwierige Erfahrung sein, die Hoffnung auf bessere Zeiten oder, wenn andere etwas Positives erleben. Mehr dazu in: Wofür ich dankbar sein könnte.

#4 Die anderen Gefühle sind blöd

Wenn wir uns für Dankbarkeit öffnen, kommen wir auch mit unseren anderen Gefühle intensiver in Kontakt. Du wirst deine Selbstkritik genauso spüren,  wie deinen Ehrgeiz, deine Maßlosigkeit oder dein Talent zu Freude, Glück und Liebe.   Das kann ungewohnt schön und/oder unerwartet unangenehm sein.

Dabei haben die anderen Emotionen nichts mit der Dankbarkeit zu tun. Sie zeigen sich verstärkt, weil sie durch das bewusste Nachspüren genügend Raum und Aufmerksamkeit bekommen.

#5 Hohe Erwartungen

Insgeheim wünschen wir uns, irgendwann einfach glücklich und zufrieden zu sein – ohne jemals wieder etwas dafür tun zu müssen. Die Idee ist, dass wir kein Leid mehr erleben, wenn wir nur dankbar genug sind. Allerdings funktioniert ein solcher Handel mit dem Schicksal nicht.

Eine weitere Hoffnung ist, dass das Gefühle der Dankbarkeit mit etwas Übung dauerhalt anhält. Doch auch diese Erwartung beleibt unerfüllt, da auch Dankbarkeit vergänglich ist.

#6 Desillusionierung

Wenn wir etwas Neues lernen, gehen wir durch verschiedene Phasen. Dies gilt auch, wenn wir damit beginnen, bewusst dankbar zu sein.

Sobald wir gute Erfahrungen mit der Dankbarkeit machen, versuchen wir damit unsere Probleme zu lösen. Hier kommt es unweigerlich zur Ernüchterung. Denn keiner kann mit Dankbarkeit den Lauf des Lebens beeinflussen. Du kannst „nur“ lernen, konstruktiver mit der Realität umzugehen.

FAZIT

Ob du Dankbarkeit als Mogelpackung oder Geheimwaffe empfindest hängt davon ab, wie gut du dich auf deine Gefühle einlassen kannst. Häufig scheuen wir uns vor den angenehmen Emotionen genauso wie vor den unangenehmen. So unmittelbar damit konfrontiert zu sein, ist ungewohnt und macht uns oft hilflos.

Im konstruktiven Umgang mit unseren Gefühlen liegt jedoch das Geheimnis der Dankbarkeitspraxis: Lass sie einfach da sein. Begegne dir dabei freundlich und mitfühlend. Beobachte und spüre deine Emotionen – ohne sie auszuleben.

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